Als Frühgeburt kam ich nun also zwei Wochen lang in den Brutkasten.
Damals war es noch so, dass die Neugeborenen während dieser Zeit keinerlei Kontakt zu den Eltern oder sonstigen Angehörigen hatten. Meine Mutter lag ohnehin in einem anderen Krankenhaus, da man mich aufgrund meines schlechten Zustands sofort in die Kinderklinik gebracht hatte. Sie sah mich zum allerersten Mal, als mein Vater mich nach der Brutkastenzeit mit nach Hause brachte.
Vorher, so berichtete es mir meine „Omi“, die Mutter meiner Mutter, konnte man mich nur durch eine Glasscheibe sehen.
Als ich schließlich nach Hause kam, soll ich erst einmal fünf Stunden lang gebrüllt haben. Mein Vater soll mich, so berichtete es meine Mutter, „mit unendlicher Geduld“ herumgetragen haben, bis ich dann völlig erschöpft einschlief.
Von diesem Moment an habe ich angeblich sofort jede Nacht zwölf Stunden durchgeschlafen.
Das wundert mich auch nicht, da in der ersten Zeit im Brutkasten bestimmt niemand auf mein Schreien reagiert hatte. Damals war es auch in den Familien üblich, Babys schreien zu lassen, bis sie merken, dass es nichts nutzt. Dann werden sie nämlich sehr still und handsam. Auf Englisch heißt diese Vorgehensweise „letting them cry it out“.
Meine Mutter war nun völlig überfordert. Sie hatte in den Tagen meiner Geburt keine Bindung zu mir aufbauen können, weil wir ja räumlich getrennt gewesen waren. Sie wusste nicht, wie sie mich anfassen sollte, wusste nicht, warum ich schrie, konnte mich weder richtig füttern noch wickeln und war überhaupt schlechter Stimmung. Heute denke ich, dass sie vielleicht eine postpartale Depression hatte.
Um ihr zu helfen, ließ mein Vater aus dem Krankenhaus, in dem er damals als Arzt arbeitete, eine Kinderkrankenschwester kommen, die ihr den richtigen Umgang mit dem Baby beibringen sollte.
Doch wirklich „warm“ wurde Mama mit mir offenbar trotzdem während meines gesamten ersten Lebensjahres nicht. Das folgere ich aus Aussagen, die sie mir gegenüber machte, als ich selbst mit meinem ersten Sohn schwanger war:
Einfacher wird es erst, wenn sie sprechen können. Dann können sie sagen, was sie brauchen, und man kann sich mit ihnen unterhalten. Im ersten Jahr konnte ich mit dir nicht viel anfangen.
Sie hielt generell nicht viel von Babys, und so wuchs auch ich mit der Überzeugung auf, dass Babys „blöd“ seien. Ich machte als Kind und Jugendliche einen weiten Bogen um sie, so dass mein Umfeld augenzwinkernd behauptete, ich sei „babygemein“.
Da ich ein Einzelkind war und blieb, wurde ich in dem Glauben, mit Babys könne man nichts anfangen, bis zur Geburt meiner eigenen Kinder auch nicht herausgefordert.
___ Fortsetzung folgt
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